1 Drama in 8 Epochen
von Alexander Egeling
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Eine Frau kommt vom Einkaufen nach Hause. Keine große
Sache, auf der Bühne leicht darzustellen. Wie aber hätte
das in den verschiedenen Epochen der deutschen dramatischen
Literatur ausgesehen?
Der Versuch eines Vergleichs:
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Aufklärung:
Szene: Im Hause
Frau und Mann
Frau: Ich bin wieder daheim!
Mann: Hast du die Tomaten bekommen?
Frau: Ja!
Mann: Und den Broccoli?
Frau: Auch. Sogar Blumenkohl habe ich gekauft.
Mann(entsetzt): Willst du mich umbringen? Den esse ich nicht!
Frau: Wie sollte dich ein gesundes Gemüse umbringen? Ich will
doch nur dein Bestes. Viele verschiedene Gemüsesorten habe
ich mitgebracht, um ein gesundes Essen zu bereiten. Höre nicht
immer auf den betrügerischen Geschmack, gehorche der Vernunft:
Nur wer jedes Gemüse isst, kann sich jeder Speise erfreuen.
Somit lebt er glücklich und gesund.
Mann: Du hast Recht! Lass uns alles Gemüse der Welt essen!
Frau: Zähme deine hochtrabenden Ambitionen und bedenke, dass
ja auch andere Menschen Gemüse essen wollen. Es wird einfach
gegessen, was auf den Tisch kommt.
Mann: So sei es.
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Sturm und Drang:
Szene: An stürmischer Schwelle
Frau und Mann
Frau: Ich bin wieder daheim!
Mann: Wo warst du solange? Die Kinder schreien und ich habe Hunger.
Frau: Kein freundlich Willkommensgruß? Nicht: Oh, wie hab'
ich dich vermisst?
Mann: Flöte hier nicht rum, begib dich lieber schnell in die
Küche, wo du hingehörst.
Frau (erregt): Was??
Mann (gebieterisch): Frauen gehören hinter den Herd!
Frau (den Einkauf von sich werfend): Das lass ich mir nicht mehr
gefallen! Heute kochst du, und wenn ich dich dazu zwingen muss!
(ergreift einen Degen) Los!
Mann (patriarchalisch): Leg den Degen weg.
Frau (vor Wut rasend): Nein! Koch oder stirb!
Mann: Das wagst du nimmer.
Frau (wie im Rausch): Lange genug hast du mich geknechtet! (ersticht
ihn)
Kinder (erschrocken auftretend): Mama?? Papa?? (heulen)
Frau: Schweigt! (Schlägt ihnen den Kopf ab, wirft dabei eine
Kerze um, die das Haus in Brand steckt) Oh nein! (sich besinnend)
Was tat ich? Alle sind tot, doch die Welt ist noch immer, wie sie
war. (Sie tötet sich selbst.)
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Klassik:
Szene: Im Hauseingange
Iphy und Don
Iphy: Ich bin wieder daheim!
Kaufte Blüte und Keim,
Auch viel Frucht und Obst,
Auf dass du mich lobst.
Carlos: Die Mär vom höchsten Gut, der Frau, ist wahr.
Doch nun berichte mir, wie dir geschah.
Iphy: Alles lief gut, bis zum Fischer von Rügen:
Der war gemein und wollt' mich betrügen.
Da sprach ich ihm von wahrer Tugend,
Schönheits-Glanz und Kraft meiner Jugend.
Der Fischer war so angetan,
schenkte mir den ganzen Kahn,
Sah in mir seinen Propheten,
Ging ins Kloster um zu beten.
Carlos: Lass uns danken Gottes Gaben
Und uns an dem Fische laben.
Danach spenden wir den Kahn
Jemand' der ihn brauchen kann.
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Goethe:
Szene: Haus auf Wolke 7
Grete und Heinrich
Grete: Ich bin wieder daheim!
Kaufte Blüte und Keim -
Auch viel Frucht und Obst,
Auf dass du mich lobst.
Heinrich: Nach so langer Irrfahrt muss ich finden,
Es gibt nichts bess'res als sich zu binden.
Mephisto: Vergesst euer kläglich Mahl und lasst euch von mir
weisen,
Dann könnt ihr schon bald an königlicher Tafel speisen.
Grete: In meinen Topf kommt nur die Gabe,
Die ich mir selbst erstritten habe.
Heinrich: Und dabei geht es nicht um teuflische Waffen,
Der Sinn des Lebens ist friedliches Schaffen.
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Romantik:
Szene: Irgendwo in Rom
Frau und Mann
Frau: Ich bin wieder daheim! Und was ich alles gekauft habe: Pralle
Äpfel rot wie Rosen der Liebe, saftige Birnen und süß-mundende
Kirschen bei deren Anblick man die ganze Welt umarmen und den großen
Gott ob seiner wunderbaren Schöpfung liebkosen mag.
Mann (öffnet den Einkaufskorb): Aber die sind ja alle verdorben!
Das Rot bei all dem Schimmel kaum noch zu erkennen, die Birnen nur
noch als Mus vorhanden. Einzig eine kleine blaue Blume ragt aus
dem Abbild der Vergänglichkeit.
Frau: Nein! Das kann nicht sein! Wo sind meine Früchte? Ich
muss sie finden! (Stürzt zur Tür hinaus.)
Mann (erwacht aus diesem Traum): Wo ist sie hin? Was war das? Der
Mond steht hoch am Himmel und wirft einen silbernen Schimmer auf
die stille Stadt - was will er mir sagen?
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Junges Deutschland:
Szene: Eingangsbereich eines Hauses
Germania und ihr Mann Teuton
Germania: Ich bin wieder daheim!
Teuton: Wie war's?
Germania: Schrecklich war's anzusehen, wie jedes Gemüse für
sich an einem einzelnen Stande lag. Die Kartoffeln aus Preußen,
die Rüben aus Waldeck, das Kraut aus Bayern und Sellerie aus
Sachsen. Doch sah ich vor meinem geistigen Auge, wie sie sich alle
zusammentaten und gemeinsam eine köstlich starke Suppe ergaben.
Teuton: Eine deutsche Suppe!
Germania: Jawohl! Machen wir uns ans Werk!
Teuton: Das wird ein Freudenfest, wenn dies Werk erst vollbracht.
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Naturalismus:
Szene: Im schmalen Windfang einer kleinbürgerlichen Wohnung
in München, den Martel betritt. Sie ist ein junges Mädchen,
das einen freundlichen Eindruck hinterlässt. Ihr Mann, der
faul anmutende Fuhrmann August, sitzt im Wohnzimmer und ruft ihr
zu. Links im Windfang eine dunkel gebeizte hölzerne Garderobe.
Über der Türe ein einfaches Kruzifix. Die rechte Wand
schmückt ein Biberpelz. Es ist schon spät am Tage.
Frau: Do bin i wieder.
Mann: Und, was host 'kauft?
Frau: Jo mei, wos ma brauch'n tut: Wäißwurscht, Semmeln,
ois für Erdapfelknödel und auch was für di: Oan Kondoam.
Mann: Die elend'n Dinger do aus Schafsdarm? Domit tu' i nix fühlen
- die nehm i net.
Frau: Oaber do schau...
Mann: Hoit's die Gosch'n und komm. Nu woin's mer schlof'n.
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Episches Theater:
Szene: Im Hauseingang eines Proletarierhauses
Man schreibt das Jahr 1881
Auftritt Mutter und Vater
Mutter: Ich bin wieder daheim!
Vater: Hast du Brot mitgebracht?
Mutter: Ich wollt, ich hätt. Doch reichte unser Geld nicht
einmal für etwas reines Wasser. Wucher und Monopolpreise beherrschen
den Markt. Da findet sich kein offenes Ohr für die Klagen eines
kleinen Portemonnaies.
Vater: Seit Wochen sind wir am Hungern, bekommen grad das Allernotwendigste
vom Fabrikherren, um als ergebene Knechte weiter malochen zu können.
Polizist (tritt ein): Wie haben ihren Sohn ergriffen, wie er einen
Feinkosthändler bestahl. Darauf steht die Todesstrafe (führt
den Sohn ab).
Mutter: Mit dem Kinde weicht die letzte Freude mir. Mag's nun nicht
mehr Leben nennen, sondern Dahinvegetieren.
- ENDE -
Vater (vor dem Vorhang):
So wie uns
Ergeht es vielen.
Doch fragen wir:
Muss das sein?
Wär's nicht viel schöner,
Wenn wir alle
Füreinander lebten,
Statt uns zu vernichten?
Wir wollen's schon so,
Nur müsst Ihr uns dabei helfen!
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