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Faust. Bei diesem Titel denken die Meisten sofort an Goethes Faust.
Doch der ist weder der einzige, noch der älteste. Die Geschichte
vom unbefriedigten, allwissenden Professor, der sich mit dem Teufel
einläßt ist uralt. Niemand weiß, wer sie erfand, aber sie
wurde über Jahrhunderte in Deutschland erzählt. Sicher
ist nur, dass sich viele Fassungen auf die historische Person des
Georg Faust beziehen. Dieser lebte um 1480 bis um 1540, hielt sich
in Universitätsstädten wie Heidelberg, Wittenberg, Erfurt
und Ingoldstadt auf, wo er die Modewissenschaften seiner Zeit, Medizin,
Astrologie, Alchemie, bis zur Scharlatanerei trieb. Nach ihm entstand,
noch zu seinen Lebzeiten, die ursprüngliche Faust - Sage. Weil
jeder Geschichtenerzähler etwas hinzudichtete oder wegließ
wandelte sich Faust zu einer typisch deutschen Erzählung. Die
Geschichte spiegelt deutsche Traditionen und Kulturen wider, beschäftigt
sich mit zahlreichen Sagen und Legenden.
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Viele der hier widergegebenen Informationen stammen aus meinem
Deutschuntericht und aus dem Doppelband "Daten deutscher
Dichtung", der einen wunderbaren Überblick über
die deutsche Literatur von ihren Anfängen bis heute gibt.
Schaut euch dazu auch meine Epochenübersicht an, die
es auf meiner Literaturseite gibt.
Nun aber zurück zu Faust. Ersteinmal gebe ich hier einen
Überblick über die wichtigsten literarischen Vorläufer
Goethes, dann gibt es eine interpretative Zusammenfassung
des ersten Werkes und noch einen kleinen Auszug aus dem Encarta-Lexikon.
Historia von D.Johann Fausten
Anonym.
1587 / Renaissance
Erschienen bei Spiess in Frankfurt am Main.
Zurückgehend auf die o.g. Faust - Sage.
Auch bekannt als 'Volksbuch - Faust'.
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Erster Band:
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Das Volksbuch erzählt von Fausts Theologie- und Medizinstudium,
der Beschäftigung mit Zauberei, dem Bündnis mit
dem Teufel, der Faust seinen Geist Mephistopheles als Diener
gibt. Faust wird nach Ablauf der Frist vom Teufel erdrosselt.
Unter lutherischem Gesichtspunkt geschrieben läßt die
Historia den Gegensatz von Renaissance und Reformation erkennen:
Faust wird als warnendes Beispiel für den frevelntlichen
Wissensdurst des Humanismus und des renaissenshaften Genussmenschen
gesehen; ein Gegenbild Luthers.
1755-1767 entwickelt Lessing einen Plan zu einem Faust Drama.
Dieser ging aber leider bis auf Bruchstücke verloren.
Ersichtlich ist die Idee einer Rettung Fausts.
Faust entwickelt sich nun zu einem beliebten Lust- und Puppenspiel.
Viele Faustszenen sind, sogar später noch bei Goethe,
rein der Belustigung des Volkes wegen eingefügt und haben
keinen tieferen literarischen Sinn. Aber das Volk verlangte
damals wilde, alberne Szenen. Das Lustspiel Faust wurde ja
auch nicht auf den großen Bühnen aufgeführt, sondern
überall auf der Straße.
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Zweiter Band:
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Faust. Ein Fragment
Johann Wolfgang von Goethe
1790 / Klassik
Goethe war von früher Jugend an ein guter Kenner der ganzen
Faust - Überlieferung. Stofflich beeinflusste ihn vor allem
das 'Volksbuch'.
Das Fragment besteht aus dem 'Urfaust' und einigen Zusätzen.
- Urfaust in Prosa, bestehend aus:
Fausts Monolog
Faust - Wagner
Mephistopheles - Schüler
Auerbachs Keller
Gretchen Tragödie bis zur Kerkerszene (ohne die Stimme 'gerettet').
- Veränderungen im 'Fragment':
Auerbachs Keller in Versen
zusätzlich Hexenküche (entstanden Februar 1788 in Rom)
zusätzlich Rechenschaftsmonolog Wald und Höhle
Im Gegensatz zum späteren Drama Goethes noch
ohne Faust - Mephisto Szene Trüber Tag,
ohne Feld,
ohne Kerkerszene.
Das historische Urbild des Gretchens wurde von Ernst Beutler als
Margaretha Brandtin aus Frankfurt ausgemacht. Goethe soll durch
das Schicksal dieser Kindermörderin, das er hautnah erlebte,
persönlich berührt worden sein, weswegen er den Magier
Faust in einen Liebhaber mit eigenen Zügen verwandelte.
Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt
Friedrich Maximillian Klinger
1791 / Klassik
Roman, anonym erschienen
Faust ist hier ein Renaissancemensch, Erfinder der Buchdruckerkunsrt,
die er aber erst durchsetzen kann, als er einen Pakt mit dem Teufel
eingeht, der seinem Streben nach Macht und Sinnesgenuss dienen soll.
Faust verfällt ohne Willen und Kraft zur Gegenwehr dem Bösen.
Der Held sucht die Lösung des Lebensrätsels und scheitert
an der Realität.
Durchgehende Auseinandersetzung mit Roussaeus Kulturphilosophie,
mehrfach auch mit Kant; die fr. Revolution wird nur in ihrer Frühphase
positiv bewertet.
Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil
Johann Wolfgang von Goethe
1808 / Klassik
Die Wiederaufnahme der Arbeit am Faust-Fragment ist ausschließlich
Schiller zu verdanken.
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Faust, bürgerlicher Herkunft, studiert alle
wichtigen akademischen Wissenschaften.
"Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;"
Als er merkt, dass er so nicht erkennen kann,
"...was die Welt
Im Innersten zusammenhält,"
versucht er es auf andere Weisen. So beschwört er den Makrokosmus
und ruft den Erdgeist herbei. Doch Faust ist nur Mensch und
kann deshalb nicht hinter das gesuchte Geheimnis kommen. Aus
Enttäuschung denkt er kurzzeitig sogar an Selbstmord. Auch
der spätere Versuch einer Bibelübersetzung bringt
Faust nicht die gesuchte allumfassende Erkenntnis. In Disputen
mit seinem Famulus stellt er wieder seine geistige Überlegenheit
gegenüber allen Menschen dar. |
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Erholen von seinen Enttäschungen will er sich durch einen
Spaziergang vor dem Tor.
"Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!"
Doch schlummern zwei Seelen in Faust: Neben der, die
"Sich an die Welt mit klammernden Organen;"
hält, deren Schönheit sieht und ihn schon einmal vor Selbstmord
bewahrte, gibt es eine andere:
"Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen."
Letztere kann von irdischen Freuden nicht befriedigt werden. So
läßt sich Faust, in seiner Suche nach Ruhe und Befriedigung,
mit dem Teufel ein.
"Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst Du mich schmeichelnd je belügen,
Dass ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuss betrügen -
Das sei für mich der letzte Tag!
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!"
Faust läßt sich auf diese Wette ein, um endlich Ruhe zu finden;
er ist immer noch der intelligenteste Mensch der Welt, doch gerade
das treibt ihn ja in den Wahnsinn.
Um diese Wette richtig zu verstehen, muss man die Wette zwischen
Mephisto und Gott aus dem Prolog im Himmel kennen: Mephisto hat
ein negatives Menschenbild. Zur menschlichen Vernunft sagt er
"Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein."
Auch Gott weiß, dass der Mensch durch seine Taten viel falsch
machen kann, denn
"Es irrt der Mensch solang er strebt."
Doch vertraut er darauf, dass selbst schlechte Menschen noch um
das Gute wissen und schließlich auch wieder gut werden:
"Ein guter Mensch in seinem dunklem Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewusst."
Der Teufel aber ist der Meinung, dass es Menschen gibt, die immer
böse sind. Das will er beweisen, indem er Faust verführt:
"Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren,
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Straße sacht zu führen."
Gott läßt sich auf die Wette ein. Doch ist sie unfair, da
Gott nur gewinnen kann. Das zeigt sich, als Gott nach dem Abgang
von Mephisto offenbart, dass auch der Teufel nur ein Diener Gottes
ist, der die Menschen antreiben soll, wenn sie faul und träge
werden.
"Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt, und muss, als Teufel, schaffen."
Darin zeigt sich Goethes Weltsicht, in der es weder gut noch böse
gibt. Das Ziel im Leben ist für ihn unstillbares Streben und
unbedingtes Schaffen. Gott ist allmächtig, da er die höchste
Schaffenskraft hat. Den niedrigsten Platz in der Weltordnung nehmen
die Dinge ein, da sie niemals schaffen können. Oft finden sich
im "Faust" kirchliche Symbole, wie etwa Gott und Teufel,
die aber nicht im Sinne des Christentums, sondern im Sinne dieser
Weltsicht Goethes zu verstehen sind.
Schema von Goethes Weltsicht:
Doch zurück Zur Handlung der Tragödie:
Ein im Studierzimmer auftretender Schüler
offenbart sich als Rationalist, er huldigt dem Irrglauben, die
Wahrheit in Büchern zu finden:
"Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen."
Darin findet sich Goethes Kritik an seiner rationalen und verwissenschaftlichen
Zeit.
Mephisto, der Teufel, will Faust nun in Auerbachs Keller zum
Leben verführen. In dieser Gaststube treffen wir Angehörige
der untersten Schicht, die sich den Tag mit Saufen, Dummheiten
und Sauereien vertreiben. Mephisto spielt mit ihrer Bestialität
und entzündet Höllenfeuer vor ihnen. Faust kann das
nicht zum 'lustigen' Leben bekehren. Als die Verulkten feindselig
werden, verschwinden Mephisto und Faust, aber nicht ohne eine
Erinnerung zu hinterlassen. Mephisto veranlasst die Trunkenbolde
sich gegenseitig die Nasen abzuschneiden und kommentiert das
so:
"Und merkt euch, wie der Teufel spaße." |
Noch mehr
Interpretation gefällig?
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In einer Hexenküche wird Faust durch einen Zaubertrank verjüngt.
Gleichzeitig wird auch die Begierde nach einer Frau in ihm geweckt.
"Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe."
Auf der Straße begegnet Faust dann Gretchen und verliebt sich in
sie. Sie ist Inbegriff des Guten. Mephisto bringt ihr Geschenke
und arrangiert ein Treffen. Gretchen springt auf Fausts Werben an.
"Bester Mann! von Herzen lieb ich dich!"
Doch Faust kommt immer noch nicht zur Ruhe.
"Er [Mephisto] facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So tauml ich von Begierde zu Genuss,
Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde."
Auch Gretchen schmachtet in ihrer gesellschaftlich tugenhaften Jungfrälichkeit
nach ihm und begehrt ihn sogar leiblich.
"Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ach dürft ich fassen
Und halten ihn."
Da sie christlich lebt, stellt sie ihm die 'Gretchenfrage':
"Nun sag, wie hast du's mit der Religion?"
Faust redet sich hier nur raus und gibt Gretchen sogar einen Trank
mit, der die Mutter betäubt, auf dass er nachts ungestört
mit Gretchen schlafen kann. Doch hier entstehen nun zwei Katastrophen:
der Trank wirkt zu stark und bringt die Mutter um, und Gretchen
wird schwanger. Faust, der von Mephisto auf die Walpurgisnacht mitgenommen
wurde, weiß von letzterem nichts. Während seiner Abwesenheit
wird Gretchen, die ihr Kind in Verzweiflung ertrinkt, als Mörderin
in den Kerker geworfen.
"Meine Mutter hab ich umgebracht,
Mein Kind hab ich ertränkt."
Faust ist aber auch mitschuldig am Tod der Mutter.
"Deine liebe Hand! - Ach, aber sie ist feucht!
Wische sie ab! Wie mich deucht,
Ist Blut dran." Mit diesen Zeilen beschuldigt Gretchen Faust,
als er sie im Kerker besucht.
Faust und Mephisto wollen Gretchen befreien, doch sie will nicht
mit. Halbirr ist sie immer noch gläubig und übergibt sich
in Gottes Hand. Faust, der nun vollends mit dem Bösen im Pakt
ist, will sie entführen, doch sie wehrt sich.
Die Schlussszene von Faust I gestaltet sich folgendermaßen:
Gretchen: "Heinrich! Mir graut's vor dir."
Mephisto: "Sie ist gerichtet!"
Stimme von oben: "Ist gerettet!"
Am Ende verschwindet Faust mit dem Teufel.
Faust hat in Teil II nichts gelernt und hat noch einen langen Weg
vor sich, bis die Engel zu ihm sagen können:
"Wer ewig strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen."
Nach über sechzig Jahren der Arbeit an seinem Faust kommt Goethe
letztendlich zu diesem Fazit:
"Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das ewig Weibliche
Zieht uns hinan.
Finis."
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Die folgende Interpretation Goethes beider Faust-Dramen aus der
Encarta 98 betont im Unterschied zu meiner obigen Interpretation
die zeitlichen und gesellschaftlichen Einflüsse auf die Werke:
| Goethes dramatisches Hauptwerk, die zweiteilige
Tragödie Faust (1. Teil erschienen 1808, 2. Teil 1833),
war bestimmt von einer sechs Jahrzehnte dauernden, wechselvollen
Entstehungsgeschichte. Mit dem Stoff des historischen Faust
wurde er vermutlich in Form des Volksbuches von Johann Nikolaus
Pfitzer (1674) und der Straßburger Version des Puppenspiels
bekannt, die auf dem Drama Christopher Marlowes (1587) fußte.
Ferner dürfte er bereits in seiner Jugend Lessings dramatisches
Faust-Fragment (1759) gelesen haben, der die im Mittelalter
nur als warnendes Exempel vorgeführte Gestalt erstmals
mit positiven Zügen versah. Der Prozess gegen die 1772
in Frankfurt hingerichtete Kindesmörderin Susanna Margarete
Brand regte wiederum die Gretchen-Handlung des ersten Teils
an. Goethes erster, zwischen 1772 und 1775 entstandener Entwurf
zu Faust eignete sich die im Sturm und Drang gängige "titanische"
Auffassung der Figur an. Diesem nur als Abschrift erhaltenen
so genannten Urfaust folgte 1790 die überarbeitete Fassung
Faust. Ein Fragment. Erst auf Drängen und unter intensiver
Beteiligung Schillers nahm Goethe 1797 die Arbeit wieder auf,
die nunmehr im ästhetisch-philosophischen Vorzeichen der
Weimarer Klassik stand. Der 1808 abgeschlossene erste Teil wurde
erstmals 1829 in Braunschweig vollständig aufgeführt
(unter der Direktion von Ernst August Friedrich Klingemann),
als Goethe nach langer Pause bereits mit der Vollendung des
zweiten Teils beschäftigt war (1825-31). Dieser wurde seiner
Weisung gemäß erst posthum veröffentlicht (1833).
Die erste vollständige Aufführung beider Teile erfolgte
1876 am Großherzoglichen Hoftheater in Weimar. |
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Die der eigentlichen Handlung des ersten Teils vorangestellten
Szenen "Zueignung", "Vorspiel auf dem Theater"
und "Prolog im Himmel" führen zentrale Motive der
Tragödie ein und schaffen die Ausgangskonstellation der Wette
um Fausts Seele zwischen Gott und Teufel (Mephistopheles: "Was
wettet ihr - den sollt ihr noch verlieren"). Die Anfangsszene
im Studierzimmer Fausts rekapituliert dessen gescheiterte Versuche,
dem Weltgeheimnis mit Hilfe von Wissenschaft und Magie auf die Spur
zu kommen, und endet mit dem verzweifelten Entschluss zum Suizid,
der im letzten Augenblick unter dem Eindruck der das Osterfest einläutenden
Glocken wieder revidiert wird. Bei dem anschließenden Osterspaziergang
wird Faust seines gespaltenen, zwischen Geistigkeit und Sinnlichkeit
schwankenden Wesens gewahr ("Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner
Brust"). Diesen Konflikt verspricht der - in seiner teuflischen
Provenienz von Faust bald erkannte - Mephisto in der folgenden Studierzimmer-Szene
zu lösen, fordert aber Fausts Seele als Pfand. Der mit Blut
besiegelte Pakt erhält durch die von Faust geforderte Zusatzklausel
wiederum den Charakter einer Wette: "Werd' ich zum Augenblicke
sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich
in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zu Grunde gehen!".
Die zentrale Handlungseinheit, die Liebestragödie um Gretchen,
wird vorbereitet in den teils witzig-satirischen, teils pittoresk-unheimlichen
Szenen in Auerbachs Keller und der künstlichen Verjüngung
Fausts in der Hexenküche. In der Gestalt Gretchens begegnet
Faust das lebendige Idealbild der Frau, die ihm Mephisto zuvor in
einem Zauberspiegel gezeigt hatte. Zur Erfüllung seiner leidenschaftlichen
Begierde nimmt er dessen Hilfe in Anspruch, was sich als fataler
Fehler erweist: Das Gretchens Mutter zugedachte Betäubungsmittel
wirkt tödlich, ihr Bruder fällt im Duell mit Faust, sie
tötet in Verzweiflung das gemeinsame Kind und endet im Kerker.
Insofern scheint sich das Böse als beherrschendes Prinzip durchzusetzen,
scheitert jedoch an der von Gretchen verkörperten Gegenmacht
der göttlichen Liebe, über die Mephisto "keine Gewalt"
besitzt. Die rein lustbetonte, letztlich egoistische Liebe Fausts
demonstrierte Goethe in den eingestreuten Walpurgisnacht-Szenen,
deren sexuell freizügige Teile er mit Rücksicht auf die
moralischen Konventionen seiner Zeit vor der Veröffentlichung
des Dramas tilgte. Die im Konflikt beider Liebeskonzeptionen aufscheinende
Einsicht in die prinzipielle Unvereinbarkeit von Ehe und Erotik
berührte die seinerzeit kontrovers geführte Diskussion
um den Stellenwert der bürgerlichen Zweierbeziehung und belegte
zugleich innerhalb des Dramas die offenkundige Unlösbarkeit
des von Faust als schmerzlich empfundenen Grundwiderspruchs von
geistiger und sinnlicher Existenz. Der erste Teil des Faust, der
bei den Zeitgenossen teils enthusiastischen Zuspruch fand, vereinte
das im Genie-Ideal des Sturm und Drang wurzelnde Faustbild mit der
Ideendiskussion der Hochklassik und der nachklassischen Ästhetik
Goethes, die besonders in der romantischen Ausmalung der Hexenszenen
zutage trat. Die Einlösung der Wette blieb dem zweiten Teil
der Tragödie überlassen, der aus der Sicht des alternden
Dichters kaleidoskopartig die Summe seines eigenen jahrzehntelangen
Ringens um Welterkenntnis und Lebenserfüllung zog. Die sogar
nach Goethes Einsicht "inkommensurable" Gedanken- und
Ereignisfülle, in der Mythen der deutschen Geschichte ebenso
ihren Platz fanden wie diejenigen der Antike (Klassische Walpurgisnacht),
ergibt im ganzen gesehen eher einen facettenreichen weltanschaulichen
Essay als ein bühnengerechtes Schauspiel. Am Ende steht, ähnlich
wie in Wilhelm Meisters Wanderjahren, die Einsicht in den absoluten
Wert der in sich selbst vollendeten, auf kein konkretes Ziel gerichteten
Tätigkeit: "Wer immer strebend sich bemüht, / Den
können wir erlösen." Die Macht der unter dieser Voraussetzung
wirksamen göttlichen Gnade besiegt letzten Endes den "Geist,
der stets verneint" und macht Mephisto zum Verlierer der Wette.
Im Gegensatz zum positiven Echo des ersten Teils stieß der zweite
bei seiner Veröffentlichung weitgehend auf Unverständnis,
was der enormen Nachwirkung, die die Tragödie insgesamt entfaltete,
jedoch keinen Abbruch tat. Die Gestalt des Faust unterlag dabei
unterschiedlichen, oft missverständlichen Interpretationen,
wie der schließlich von der nationalsozialistischen Ideologie usurpierten
Umwertung zum Ideal des deutschen Geistes. Als exemplarisches Menschheitsdrama
hat Goethes Dichtung, die u. a. Charles Gounod (Margarethe, 1858)
zu einer Vertonung anregte, gleichwohl ihren Platz unter den ersten
Werken der Weltliteratur behauptet. Filmfassungen schufen Friedrich
Wilhelm Murnau (1926) und Gustav Gründgens (1960).
aus: "Goethe, Johann Wolfgang von", Microsoft(R) Encarta(R)
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