Was macht Corona mit Promovierenden und Postdocs?

Datenerhebung, Schreiben der Diss, Lehre und Jobsuche - wie sind diese und andere Tätigkeiten des sogenannten Wissenschaftlichen Nachwuchses durch die Coronakrise betroffen? Welche Effekte konnte ich durch meine Weiterbildungstätigkeit in den letzten Wochen beobachten?

Der Haupteffekt, den die Coronakrise auf mich hat, ist relativ klar: Ich arbeite mehr und komme derzeit kaum hinterher. Deswegen ist es in diesem Blog seit zwei Monaten sehr ruhig. Das tut mir leid, aber seitdem waren so viele Kurse umzuplanen und abzuhalten, dass entweder die Zeit oder die Muße zum Schreiben fehlte. Dafür habe ich in den Seminaren und Coachings, die ich gebe, sehr viel Kontakt mit verschiedensten Promovierenden, Postdocs und auch einigen Studierenden gehabt. In diesem Beitrag möchte ich einen kleinen Überblick darüber geben, was ich in dieser Zeit über die Auswirkungen der Krise auf diese Gruppen gelernt habe.

Inzwischen (Ende Juni 2020) ist die Krise fortgeschritten, Christian Drosten sprach in seinem letzten Corona-Update-Podcast vor der Sommerpause davon, dass man wohl sagen kann, dass die erste Welle des Infektionsgeschehens in Deutschland vorüber ist. Ob nun gerade die zweite startet sei dahingestellt, die meisten Menschen freuen sich über die derzeitige weitgehende Rückkehr ins "normale" Leben. Wobei viele Universitäten langsamer öffnen als andere Institutionen und es derzeit auch so scheint, als ob zumindest die Fortbildungskurse für den sogenannten Wissenschaftlichen Nachwuchs auch im Wintersemester noch vorrangig online angeboten werden sollen.

Dass aber gerade eine gewisse Entspannung eingetreten ist, erlebe ich auch in den von mir angebotenen Kursen und Coachings. Ängste und Sorgen, was geschieht und wie man sich verhalten soll, drängen sich nicht mehr in den Vordergrund. Es fällt den Teilnehmenden leichter, sich auf das fachliche Thema der Weiterbildung zu konzentrieren und der Umgang mit Onlinekonferenzen ist auch schon gut eingeübt. Was aber sind und waren die Themen, die ich aus und neben meinen Kursen und Coachings heraushören konnte? Ich habe kaum direkt nach den Auswirkungen der Krise gefragt, aber dennoch viel gehört. Das Gehörte ist daher natürlich nur ein kleiner und methodisch fragwürdiger Ausschnitt, aber vor allem insofern interessant, als dass es auf Äußerungen bestand, die sich ihren Weg bahnen mussten. Was gesagt wurde, schien so wichtig, dass die Teilnehmenden es in Kurse zum Wissenschaftlichen Schreiben, Projektmanagement oder Netzwerken ungefragt eingebracht haben - vor allem, weil es ihre Produktivität beeinflusst.

Ähnlich wie in einer Umfrage des Promovierendennetzwerks der Max Planck Gesellschaft ( https://www.phdnet.mpg.de/131598/2020-05-01_impact_of_covid19_on_MPS) ist das Bild, das sich zeigt, sehr heterogen. Insbesondere fällt auf, dass einige Personen verstärkt von Problemen berichten, während andere über nie dagewesene Produktivitätsschübe sprechen. Soweit herauszuhören war, liegt dies meist daran, welcher Arbeitsinhalt gerade am wichtigsten erscheint. Wer in der Datenerhebungsphase steckt und nicht ins Labor oder Archiv kommt, fühlt sich natürlich ausgebremst und kann auch nicht einfach mal schnell umschalten auf andere Tätigkeiten wie z.B. das Schreiben eines weniger betroffenen Teils der Dissertation. Wer dahingegen sowieso gerade am Schreiben ist oder sich dies schon länger vorgenommen hatte, empfindet die Situation eher positiv.

Insgesamt stellt sich mir die Situation auf jeden Fall positiver dar, als sie z.B. in diesem Science-Artikel beschrieben wird: https://www.sciencemag.org/careers/2020/04/how-early-career-scientists-are-coping-covid-19-challenges-and-fears Das mag vielleicht daran liegen, dass diejenigen mit größeren Problemen erst gar nicht in meine Kurse kommen. Ich sehe vielleicht eher die Promovierenden, die sich vorgenommen haben, mit der Situation pragmatisch-optimistisch umzugehen und z.B. den Lockdown zur Weiterbildung zu nutzen. Natürlich hat aber auch diese Klientel Fragen und Sorgen:

  • Wie kann ich meine Lehraufgaben online bewältigen?
  • Gibt es derzeit überhaupt offene Stellen für meine anstehende Jobsuche?  
  • Und wie netzwerkt man eigentlich auf Onlinekonferenzen?

Insbesondere erstere Frage habe ich oft gehört. Quasi alle, die dies nannten, fühlten sich schlecht vorbereitet und unterstützt bei der Transformation ihrer Lehre in den digitalen Raum. Es mangele an Infrastruktur und Wissen - ein ruhiger Computerarbeitsplatz mit Mikrofon und Webcam ist genauso gefragt wie didaktisch-methodischer Input. So wurde z.B. immer wieder überrascht auch meine Nutzung von Online-Whiteboards zur Interaktion reagiert und angekündigt, diese auch in der eigenen Lehre einsetzen zu wollen.

Was erstaunlicherweise fast überhaupt nicht thematisiert wurde, war der Bereich der eigenen Finanzierung. Immerhin ist dies das einzige Thema, zu dem mir eine politische Diskussion rund um den sogenannten Wissenschaftlichen Nachwuchs aufgefallen ist und auch eine neue britische Studie betont Sorgen rund um dieses Thema stark (https://elifesciences.org/articles/59634). Trotz der oben genannten Einschränkungen meines Erlebens bleibt daher vielleicht zumindest festzuhalten, dass die Sorgen um eine Weiterfinanzierung bei vielen Promovierenden nicht sehr groß zu sein scheinen.

Wie schon erwähnt gibt es auch tatsächlich nicht wenige, die von positiven Effekten des Lockdowns und Homeoffices sprechen: Endlich steht mal die eigene Forschungsarbeit im Mittelpunkt, endlich findet man mal Zeit zu schreiben, endlich kann man sich konzentrieren ohne ständig im Großraumbüro abgelenkt zu werden. Daher wird nicht selten der Wunsch geäußert, auch in Zukunft immer mal wieder im Homeoffice arbeiten zu können. Das betrifft auch diejenigen Gruppen, die im Moment viel Zeitstress haben: Die Eltern und diejenigen externen Promovierenden, die einen (Fast-)Vollzeitjob neben der Promotion haben. Wobei für letztere das Homeoffice den bereits angesprochenen Rückzugsort darstellt, während Eltern es eher nutzen um flexibel auf Anforderungen des Familienlebens reagieren zu können (und ganz froh sind, dem Homeoffice auch mal wieder entfliehen zu dürfen).

Externe Promovierende und Eltern gehören aber auf jeden Fall zu denjenigen, die besonders froh darüber sind, Online-Weiterbildungsangebote zu erhalten - schließlich sind sie aufgrund ihrer vielfältigen Aufgaben oder entfernten Wohnorte oft von Präsenzveranstaltungen ausgeschlossen. Wobei natürlich alle Teilnehmenden positiv auf das Angebot reagiert haben, sonst hätten sie wohl nicht mitgemacht. Neben der Möglichkeit, sich auch im Homeoffice weiterzubilden, wurde dabei vor allem positiv erwähnt, dass man endlich mal wieder ein paar andere Gesichter sieht. Besonders für alle, die keine festen sozialen Bindungen vor Ort haben, wie z.B. ausländische Wissenschaftler_innen, scheint dies wichtig.