Vom Präsenzkurs zum E-Learning

Auch ich als Trainer und Coach bin wegen des Corona-Lockdowns seit einiger Zeit mit dem beschäftigt, was Lehrende an Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen der Welt umtreibt: Die gewohnten Präsenzveranstaltungen in ein Onlineformat zu übersetzen. Dabei höre ich viele Klagen und natürlich ist es auch für mich schade, den Teilnehmenden meiner Workshops nicht mehr direkt gegenüber sitzen zu können, nicht mehr mit ihnen gemeinsam an einem Flipchart diskutieren oder eine spielerisch-aktive Lernmethode durchführen zu können. Aber der Weg ins digitale Lernen eröffnet auch Chancen, die ich im Folgenden benennen möchte. Dabei möchte ich ein paar Ideen beschreiben, die ich bezüglich der Transformation von Off- in Onlinekurse habe.

Zunächst einmal zeigt sich bei den Anmeldungen, dass Onlinekurse Personen erreichen, die Präsenzveranstaltungen kaum bis gar nicht wahrnehmen können. Z.B. externe Promovierende, die es gerade an kleineren Hochschulen zu Hauf gibt. In einem meiner letzten Gruppencoachings vor dem verordneten Homeoffice hatte ich einen Promovierenden, der extra wegen des Kurses drei Stunden An- und Abfahrt auf sich genommen hatte. Mein erster Onlinekurs danach war auch ein Gruppencoaching, wo es überhaupt kein Problem darstellte, dass eine Teilnehmerin am anderen Ende der Republik saß und eine andere zu ihren Eltern aufs Land geflüchtet war. Na gut, die Internetverbindung zu letzterer war nicht perfekt, aber die meiste Zeit ging es mit der Videoübertragung. Für den nächsten Kurs gab es sogar die Rückmeldung von jemandem aus den USA, dass er sich freute, auch aus seinem externen Forschungsaufenthalt an einem Weiterbildungskurs „daheim“ teilnehmen zu können. Und da es wohl keine Wissenschaftler_innen gibt, die nicht über Internetzugang verfügen, kann man sagen, dass E-Learning inklusiver ist.

Natürlich könnte man diskutieren, ob es nicht viele Menschen mit einer gewissen Abneigung gegen Onlinekommunikation gibt, die sich nun außenvorgelassen fühlen. Aber andersherum habe ich auch schon von Teilnehmenden gehört, die nicht so gerne in Seminarräumen sitzen und sich dafür in Onlinekursen wohler fühlen. E-Learning muss ja nicht dauernd auf Basis einer Videokonferenz durchgeführt werden, sondern kann (und sollte) ganz gezielt auch Elemente beinhalten, die mehr Anonymität ermöglichen. So kommt mancher Austausch über ein Forum, einen Chat oder eine Mail zustande, der im Präsenzseminar nicht stattgefunden hätte. Denn trotz der Methodenvielfalt, auf die ich Wert lege, sind es bei den Veranstaltungen vor Ort doch immer wieder die gleichen Typen, die den Austausch dominieren. Und selbst wenn dies auch online nicht gänzlich zu vermeiden ist, so kann gut gemachtes E-Learning eben anderen Typen eine Plattform bieten.

Sowieso versuche ich, nicht einfach so viel wie möglich aus den Offlineseminaren „rüberzuretten“ in die Onlinewelt. Vielmehr frage ich mich, was eigentlich der Sinn und Zweck der verschiedenen Methoden in meinen Präsenzseminaren ist und wie ich diesen bestmöglich im Internet erzielen kann. Wenn ich z.B. ein Gruppen-Brainstorming mit 15 Personen verwendet habe, ließe sich das selbst in einem Onlinekurs mit nur 12 Teilnehmenden nicht ähnlich gut umsetzen. Da fehlt einfach die Möglichkeit, die Körpersprache der anderen genau zu beobachten und ein Gefühl für den Raum zu bekommen. Was dagegen gut funktioniert, ist gemeinsam eine Mindmap zu erstellen. Seiten wie MindMeister erlauben es, mit mehreren Personen gleichzeitig an einer Mindmap zu arbeiten. Am Ende hat man dann sogar ein gut zu versendendes Ergebnis, das man im Zweifel besser lesen kann als abfotografierte Pinnwandnotizen.

Den größten Vorteil, den Onlineseminare aber meiner Meinung nach bieten, ist ihre kleinteilige Skalierbarkeit. Es ist überhaupt kein Problem, einen Tageskurs in zwei halbtägige Webinare herunterzubrechen, zwischen denen mehrere Tage Zeit liegen. Das hat nicht nur den Vorteil, dass die Teilnehmenden nicht so leicht ermüden (was am Rechner viel schneller passiert als im Seminarraum). Zusätzlich ermöglicht es noch das Ausprobieren des Erlernten zwischen den beiden Webinaren – während das erste etwas inputzentrierter ist, kann man im zweiten dann ausführlicher über die gemachten Erfahrungen reden und Tipps zum Anpassen geben. Natürlich geht so eine Zweiteilung auch offline, aber weder fahre ich gern für zwei halbe Tage von Berlin nach München, noch zahlen meine Auftraggeber gern die dadurch doppelt anfallenden Fahrtkosten. Online geht das ohne Probleme und ermöglicht auch wieder einfachere Zugänge: Wer kleine Kinder zu betreuen hat oder viele andere Termine wahrzunehmen, schafft es wahrscheinlich eher mal, sich zweieinhalb Stunden vor den Rechner zu setzen als zu einem Tagesseminar zu fahren.

Darüber hinaus ist bei der Zweiteilung ja auch noch nicht Schluss: Manches Wissen lässt sich sehr gut  stufenweise vermitteln, z.B. jeden Tag ein bisschen. So habe ich z.B. eine Schreibchallenge im Programm, bei der zwei Wochen lang jeden Morgen eine Mail mit Input kommt. Die Teilnehmenden können diese ansehen wann sie wollen und dann die Anregungen über den Tag umsetzen, falls sie es hilfreich finden. Abends gibt es eine WhatsApp-Gruppe zum Austausch darüber, wie es war. Auch hier nimmt nur Teil, wer es gerade braucht. Damit bietet das Programm laufenden Mehrwert ohne die Teilnehmenden in ihrem Alltag zu beschränken. Und es setzt gezielt auf Alltagstechnologien, die ohne Probleme beherrscht werden – was wiederum Personen einen Zugang bietet, für die andere Technologien nicht so gut klappen. Und natürlich mag nicht jede_r WhatsApp nutzen, aber ich habe ja weiter oben schon festgestellt, dass es nicht das eine perfekte Lernformat gibt, das für alle Menschen gleichgut funktioniert. Die Mischung macht’s. In diesem Sinne kann E-Learning einen großen Mehrwert bieten. Daher wäre es auch wünschenswert, wenn einige dieser Angebote auch in der Post-Corona-Zeit noch aufrecht erhalten werden könnten.