Ist der Wissenschaftliche Nachwuchs am besten auf Isolation und Homeoffice vorbereitet?

Dieser Tage wird viel über die Arbeit im Homeoffice geschrieben, das vor allem auf Büroarbeiter fokussiert, die normalerweise im Team arbeiten. Natürlich gibt es auch in der Wissenschaft Teamarbeit, insbesondere in größeren Forschungsprojekten der Natur- und Ingenieurswissenschaften. Dennoch sind die Hochschulen ein Bereich, in dem ein weit größerer Teil der Arbeit allein erledigt wird als in der Wirtschaft oder Verwaltung. Insbesondere für den sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs, speziell Promovierende und Postdocs, ist die Arbeit in Isolation nicht Neues. Da könnte man meinen, dass dieser Gruppe das erzwungene Homeoffice gar nichts ausmacht, da sie eine Art Isolationskompetenz besitzen.

Tatsächlich gibt es auch einige, die gar keine so große Änderung ihres Arbeitsalltags bemerken. Allerdings sind normalerweise die wenigsten Nachwuchswissenschaftler_innen den ganzen Tag zu Hause, selbst wenn sie nicht ständig auf die Zusammenarbeit mit anderen angewiesen sind. Sie gehen ins Büro oder in die Bibliothek um sich eine produktive Arbeitsumgebung zu schaffen, einem zeitlichen Rhythmus zu folgen oder Arbeit und Privatleben nicht zu sehr verschwimmen zu lassen. Schließlich sind wir Menschen nicht für die Isolation und die Monotonie gemacht. Wir brauchen Abwechslung und sozialen Austausch um gut zu funktionieren.

Daher kann die derzeit erzwungene Vereinzelung bei manchen wissenschaftlichen Nachwuchskräften das Fass der Negativwirkungen zum Überlaufen bringt. Natürlich könnten sie jetzt endlich mal in Ruhe an ihrem Paper oder an der Dissertation arbeiten, aber eigentlich finden die meisten auch unter normalen Umständen genug Zeit dafür. Und was bringt die ganze zusätzliche Zeit, wenn die bisherigen Strukturen nicht mehr funktionieren, man nicht mehr zum Sport gehen oder Freunde treffen kann? Dann bleibt man mit seinen Sorgen allein, insbesondere wenn man, wie viele Promovierende und Postdocs, tatsächlich auch allein lebt. Dann findet man im Zweifel keine Möglichkeit, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, weil man weiß, dass der befristete Vertrag bald ausläuft und einem niemand sagen kann, wie es weiter geht. Vielleicht ist daran sogar das Visum gebunden, weil man aus dem Nicht-EU-Ausland kommt. Man macht sich vielleicht Sorgen um Familie im Iran oder den USA oder um sich selber, weil man plötzlich Husten bekommen hat. Natürlich können all diese Sorgen derzeit viele Menschen treffen, aber Nachwuchswissenschaftler_innen sind durch ihre Situation besonders anfällig dafür.

Trotzdem sind sie es wahrscheinlich auch, die so viel Erfahrung mit Isolation und Homeoffice haben wie sonst nur wenige Gruppen in der Gesellschaft. Und für gewöhnlich haben sie auch Kompetenzen entwickelt, um mit solchen Situationen umzugehen. Viele haben schon den funktionierenden Arbeitsplatz zu Hause, sind es gewohnt, nur sehr selten mit Vorgesetzten und Kolleg_innen zu kommunizieren und wissen, wie man ein komplexes Projekt allein vorantreibt. Sie besitzen also vielfach schon das Rüstzeug, das sich all die Teamverwöhnten aus Wirtschaft und Verwaltung gerade erarbeiten müssen. In einem aktuellen Coaching, dass ich mit einer Gruppe Nachwuchswissenschaftler_innen durchführe, werden dementsprechend auch kaum Probleme benannt, die in all den durchaus guten Anleitungen für produktives Homeoffice stehen. Es geht eher darum, Wege zu finden, nicht ständig allein zu sein und ein Ventil für seine Sorgen zu haben.

Was Promovierende und Postdocs also gerade brauchen, ist jemand zum Reden. Freunde und Familie helfen, aber am ab und an braucht es eben auch professionelles Feedback. Dazu wäre es gut, wenn sich Professor_innen und Betreuer_innen ihrer diesbezüglichen Verantwortung bewusst wären und es daneben Onlineangebote gäbe, die Raum für mehr als nur Forschung und Lehre lassen. Dann könnten Nachwuchswissenschaftler_innen diese Krise ohne Produktivitätsverluste durchstehen und vielleicht sogar mit ihren Kompetenzen und Erfahrungen zur positiven Bewältigung der Probleme beitragen.